Zum Verständnis von Beratung

Beratung wird heute als Oberbegriff für eine Vielfalt von Arbeitsformen in sehr unterschiedlichen sozialen Feldern gebraucht, so dass einige orientierende Bemerkungen sinnvoll erscheinen. „Beratung ist zunächst eine Interaktion zwischen zumindest zwei Beteiligten, bei der die beratende(n) Person(en) die Ratsuchende(n) – mit Einsatz von kommunikativen Mitteln – dabei unterstützen, in Bezug auf eine Frage oder auf ein Problem mehr Wissen, Orientierung oder Lösungskompetenz zu gewinnen. Die Interaktion richtet sich auf kognitive, emotionale und praktische Problemlösung und -bewältigung von KlientInnen oder Klientensystemen (Einzelpersonen, Familien, Gruppen, Organisationen) sowohl in lebenspraktischen Fragen wie auch in psychosozialen Konflikten und Krisen.“ (Sickendiek, Ursel; Engel, Frank; Nestmann, Frank, Beratung. Eine Einführung in sozialpädagogische und psychosoziale Beratungsansätze, 3. Auflage Weinheim 2008, S. 13).

Eine Abgrenzung gegenüber den Begriffen und Arbeitsformen Psychotherapie und Supervision ist zwar möglich, bleibt aber an den Grenzen unscharf, da es fließende Übergänge gibt.

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Die Bezeichnung Psychotherapie steht als Oberbegriff für alle Formen psychologischer Verfahren, die ohne Einsatz medikamentöser Mittel auf die Behandlung psychischer und psychosomatischer Krankheiten, Leidenszustände oder Verhaltensstörungen zielen. Durch den Krankheitsbegriff ist Psychotherapie trotz ihres nicht-medikamentösen Charakters mit dem medizinischen Paradigma verbunden. In Beratung hingegen geht es nicht um Krankheit, sondern um Problemlagen unterschiedlichster Art.

Die Bezeichnung Supervision wird häufig als ein Unterbegriff von Beratung behandelt, da Supervision sich spezifisch auf die Beratung der beruflichen Rolle bezieht.Persönliche Themen finden zwar auch Beachtung, aber nur insoweit sie für berufliches Handeln relevant werden. Beratung hat demgegenüber keine thematische Begrenzung außer der, die in einem Kontrakt ausgehandelt wird.

Relevant für die fachlichen Unterscheidungen sind darüber hinaus berufsständische Hintergründe und Auseinandersetzungen. Berufsrechtlich gerahmt und reguliert ist einzig der Begriff und die Tätigkeit Psychotherapie, nicht aber Beratung und Supervision. Als  Sozialwissenschaftler steht mir in Deutschland die Möglichkeit nicht offen, als approbierter Psychotherapeut zu arbeiten. Meine Zulassung zu psychotherapeutischer Tätigkeit nach dem Heilpraktikergesetz ändert daran wenig. Ich kann für manche Problemlagen daher nicht die (psychotherapeutische) Rahmung anbieten, die ich professionell für notwendig halte. Ich habe mich daher entschlossen, auf den Begriff Psychotherapie zu verzichten und meine Tätigkeit als Beratung zu bezeichnen.

Diese hier nur sehr kursorisch ausgeführten Unterscheidungen sollten also nicht verdecken, dass die drei Arbeitsweisen Psychotherapie, Supervision und Beratung ebenso viel verbindet wie trennt. Es geht immer darum, den zu Beratenden, zu Helfenden, zu Supervidierenden eine Hilfe zukommen zu lassen, ohne sie dabei in ihrer lebensweltlichen Autonomie einzuschränken. Es geht also nicht um gute Ratschläge, sondern darum eine Gesprächssituation zu schaffen, in der die Ratsuchenden sich über Ihre Lebensrealität, ihre Sichtweise darauf, daraus entstehende Problemlagen und Lösungsmöglichkeiten klarer werden können. Als Berater stelle ich hierfür sowohl mein theoretisch-methodisches Wissen als Sozialwissenschaftler wie auch mein Erfahrungswissen aus 25 Jahren psychosozialer Beratung zur Verfügung, achte aber darauf, dass dadurch die Autonomie des Ratsuchenden nicht irgendwelchen vermeintlich objektiven Gegebenheiten untergeordnet wird. Zugleich ist es Gegenstand der Beratung herauszuarbeiten, dass die Autonomie des Einzelnen immer relativ ist. In unserem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln sind wir immer eingebunden in ein Netz von Beziehungen zu relevanten anderen Personen.
Dieses Beziehungsnetz steht wiederum in einem größeren Rahmen, sei es dem einer Organisation oder des weiteren institutionellen bzw. kulturellen Umfeldes.
Inwieweit das genannte Beziehungsnetz nur Gegenstand der Beratung oder selbst Teil der Beratung ist, definiert zugleich das Setting der Beratung.

Beratung in unterschiedlichen Settings

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In der Einzelberatung definiert eine Einzelperson den Fokus der Beratung, der wiederum den ganzen Kosmos seiner/ihrer Lebensumstände umfassen kann. Zu nennen ist hier die biographische Arbeit, insbesondere der Einfluss der Herkunftsfamilie, die Bedeutung der Gegenwartsfamilie, gelebte und ungelebte Beziehungswünsche, der Umgang mit schwierigen Lebensereignissen, private und berufliche Problemlagen und Übergänge. Meine Hintergrundannahmen in der biographischen Arbeit habe ich ausführlich dargestellt in dem Buch Familienwelten (2004).

In der Paarberatung oder Familienberatung stehen nicht mehr eine Einzelperson im Fokus, sondern das Beziehungsgefüge des zu beratenden Systems, seine Geschichte und Zukunftsmöglichkeiten. Zur Paarberatung finden Sie unter einem gesonderten Stichwort weitere Informationen.

Beratung von Gruppen biete ich derzeit als Gruppen- oder Teamsupervision oder kollegiale Beratung an (siehe dazu das Stichwort Supervision), oder in Form eines Workshops (siehe dazu die Workshopangebote unter dem Stichwort Gruppendynamik).

Tätigkeiten, die als Organisationsberatung verstanden werden können, biete ich an als Beratung von Führungskräften, sowohl in der Einzelberatung wie auch in der Gruppe, z.B. mit Leitungsteams.

Eine besondere Form der Arbeit mit und in Organisationen stellt die Arbeit in der Großgruppe dar, die alle Mitglieder oder die Leitungsebenen einer Organisation umfassen kann, die sich z.B. für einen Workshop treffen. Die Beratungsarbeit ist hierfür auf mehreren Ebenen angesiedelt, in der Vorbereitungsphase vor allem als Arbeit mit einzelnen Führungskräften oder einer verantwortlichen Projektgruppe, in der Durchführungsphase als Moderator und Prozessbegleiter. Beratungsprojekte dieser Art erfolgen aufgrund der Größe des zu beratenden Systems häufig in kollegialer Kooperation.

Impressionen aus einem organisationsbezogenem Beratungsprojekt

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Abschließend finden Sie das Workshopdesign und einige Impressionen aus einem besonders gut gelungenen organisationsbezogenen Projekt, einem Workshop zur Erneuerung des Leitbildes mit der gesamten Belegschaft der Lebenshilfe Gießen, ca. 100 Personen, den ich mit einer Projektgruppe aus der Organisation zusammen vorbereitet und in Kooperation mit Marlies Arping und dem Frankfurter Playbacktheater „Spiegelbühne“ durchgeführt habe.

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